In der Literatur ist die Vignette eine kurze beschreibende Passage, die einen Moment festhält. Es gibt sie auch in Filmen, dann ist es eine ganz kurze Sequenz. Doch was macht sie für dein Business Storytelling und dein Marketing interessant? Und was unterscheidet Vignetten von Anekdoten?
Spoiler: Literarische Vignetten können die ganz großen Gefühle in wenigen Sekunden für die Lesenden sichtbar machen. Aber wie machen die das?
Herkunft des Ausdrucks
Vigne ist das französische Wort für Weinrebe, vignette ist seine Verkleinerung, bedeutet also „Weinstöckchen“. Vignetten nannte man dann auch die dekorativen Abbildungen von Weinranken und Weinblättern in Büchern oder auf den Ecken von Buchdeckeln. Aber wie kommt der ‘kleine Weinstock“ in die Literatur? Im späten 19. Jahrhundert taucht der Begriff Vignette im Zusammenhang mit Schriftstücken auf. Man bezeichnet damit nun auch dekorative, kurze Skizzen in Schriftform.
Woran erkennt man eine Vignette
Wie in der Herkunft beschrieben, möchten Vignetten etwas kurz festhalten. Du merkst, dass es sich um eine Vignette handelt, wenn du beim Lesen denkst, „oha, hier wird etwas herangezoomt“.
Es gibt auch eine bestimmte Art von Poesie, die „vignettenartig“ ist, wie Elfchen oder ein Epigramm – eben diese kurzen Zeilen über einen kurzen Moment, mit dem ein großes Gefühl umschrieben wird. Poesie, Romane, Werbung – Egal, wo sie vorkommen, wichtig ist: Vignetten sind eine einzige Momentaufnahme und sie treiben keine Handlung voran. Ein Roman oder ein Film kann daher mehrere Vignetten enthalten, ein Werbespot auch. Doch dazu später.
Sprachlich handelt es sich bei Vignetten häufig um Beschreibungen mit anschaulichen Details. Sie sind wie Nahaufnahmen von etwas, daher sage ich auch oben, dass Vignetten wie „herangezoomt“ wirken.
Beispiel 1: Gleich sieben Vignetten, die den weiblichen Körper zum Thema haben, schreibt Margaret Atwood untereinander und nennt den ganzen Text dann, The Female Body. Schau mal, ob du dich von einer der sieben Vignetten in etwas hineingezoomt fühlst.
Halten wir fest: Geschriebene Vignetten können, müssen aber nicht eigenständige Texte sein. Du findest sie als kurze Gedichte in wenigen Zeilen aber auch als kleine Textpassagen in Romanen wieder. Stelle sie dir wie eine Nahaufnahme einer bestimmten Figur oder Situation vor, dann entdeckst du sie.
Unterschied zur Anekdote
Während Vignetten auf der Basis von soeben gemachten Erfahrungen oder Beobachtungen entstehen (Momentaufnahme), sind Anekdoten erinnerte Erfahrungen und Erlebnisse (Erinnerungen). Daher werden Anekdoten auch oft ausgeschmückt mit vielen Details. Etwas Handlung kommt in ihnen auch vor. Je weiter das Erlebte zurückliegt, desto mehr verklären es die Anekdoten. Vignetten machen das nicht, dafür nehmen Sie etwas wie „mit der Lupe“ wahr. . Ich stelle mir Vignetten immer wie einen kleinen Schnörkel am Rand vor – eben wie die oben genannten Weinblatt-Verzierungen, nur als Text.
Wozu werden Vignetten eingesetzt?
Im Film oder im Roman setzt man Vignetten gerne als kurze Rückblicke (Flashbacks) ein, die aber nichts zur Handlung beitragen. Sie „schmücken“ nur, und man könnte diese Zeilen auch weglassen. Der Text funktioniert auch ohne sie.
Beispiel 2: In Harry und Sally werden in mehreren eingeschobenen Vignetten scheinbar zufällig Pärchen interviewt, wie sie sich kennengelernt haben. Die Filmhandlung würde auch ohne sie funktionieren, doch mit ihnen wird das zentrale Thema des Filmes, „Männer und Frauen sind unterschiedlich“, ausgeschmückt. Auch hier sind die Vignetten also „nur“ eingeschobenes Beiwerk.
Solo werden Vignetten gerne beim kreativen Schreiben als kleine Fingerübungen genutzt. Mit ihnen kann man genaues Beobachten üben und sich auf die winzigsten Details konzentrieren, ohne an etwas anderes, zum Beispiel den roten Faden, zu denken.
Beispiel 3: Ich habe mal eine Vignette über einen Mann an einer Bushaltestelle geschrieben, genauer gesagt war das große Thema „Erzähle vom Warten ohne das Wort warten zu nutzen“. Ich beschrieb dazu kleinste Details und Gesten und konnte so das Thema Warten an sich sehr plastisch zeigen.
Vignetten im Marketing
Vignetten in Werbung und Marketing haben einen ganz besonderen Vorteil: Mit diesen winzigen Momentaufnahmen kannst du große Emotionen kurz und wie beiläufig in deine Texte hineinbringen, so dass jeder anschließend weiß, worauf du später (mit deinem Angebot) hinauswillst. Geschriebene Vignetten kannst du am Anfang deines Textes nutzen oder zwischendurch.
In Werbespots findest du Vignetten sehr häufig. Siehst du mehrere blitzlichtartig, aneinandergereihte Filmsequenzen, die zum Beispiel „Glück“ zeigen sollen oder „Heimkehr“ oder „Geborgenheit“, dann handelt es sich meist um Vignetten.
Beispiel 4 und 5: In dieser Langnese-Werbung wecken die Vignetten hintereinander (Frisbeespieler, ein Hund, ein Kind … am Strand) deine Lust auf Urlaub, Sommer und Eis (Like ice in the Sunshine). Die Merci-Werbung weckt die abstrakte Emotion „Dankbarkeit“ mit vielen kleinen Vignetten als Filmchen und gleichzeitig als Gedichtzeilen. Jede Zeile, eine Vignette.
Hier habe ich dir die ersten drei Vignetten aufgeschrieben:
1. Vignette: „Du bist der hellste Punkt an meinem Horizont,
2. Vignette: Du bist der Farbenklecks in meinem Grau in Grau,
3. Vignette: Du bist das Hänschen klein in meinem Kinderlied …“
Das ist poetisches Mini-Storytelling vom Feinsten! Denn die Vignetten „zahlen“ im Gesamtpaket auf das „Konto“ großes Gefühl von Dankbarkeit, Danke sagen ein.
Wie viele Vignetten sind okay?
Es kommt mal wieder darauf an, was du bezwecken willst: Mit einer geschriebenen Vignette allein, zum Beispiel als Einleitung deines Textes oder deiner Rede, setzt du einen Akzent. So gibst du eine bestimmte Lesart und Richtung vor.
Mit mehreren Vignetten hintereinander kannst du zum Beispiel mitten im Text etwas besonders betonen. Glück, Wut oder Verzweiflung kannst du so viel besser darstellen, als mit einer simplen Beschreibung à la „Sie hatte Glück“ oder „Er war wütend“.
Ein Vignetten-Test zum Schluss:
Meine Mutter hielt mich am Arm zurück und deutete auf meinen Minirock.
„So kannst du nicht in die Schule gehen!“
„Warum nicht?“, fragte ich.
„Das sieht nuttig aus!“
Was habe ich hier „gezoomt“? Richtig, das Gefühl von Scham (Kind) und das Gefühl von Überlegenheit (Mutter). Jetzt könntest du, wenn du ein Coach bist, weitermachen mit dem, was du über Kindheitstraumata sagen willst oder über Selbstbewusstsein.
Das Schreiben von Vignetten für die passende Gelegenheit lernst du übrigens auch in meinen Trainings.
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