Ist Rechtschreibung ein Kreativitätskiller?

Kreativiätskiller Rechtschreibung?

Als Texterin und Autorin bin ich natürlich vorbelastet. Rechtschreibung muss für mich sehr wichtig sein, oder? Ich drücke es mal diplomatisch aus: Über die Feinheiten von Literatur und Sprache oder über die Stories, die hinter Werbespots, Filmen oder Liedern stecken, könnte ich mich stundenlang auslassen. Aber über Rechtschreibung?

Mein Anlass, als Texterin „auch mal was“ zum Thema Rechtschreibung beizutragen, habe ich von Kerstin Salvador’s Aufruf zur Blogparade Rechtschreibung und ich – (k)eine Liebesgeschichte. Sie hat dazu aufgerufen, unsere ganz persönliche Geschichte zu erzählen. Macht mit, wenn euch dieses Thema ähnlich (oder anders) „triggert“, wie mich.

In meiner Zeit als Texterin in einem Fachverlag gab es einen Grafiker, dem es plötzlich einfiel, unsere kreativen Entwürfe für Flyer und Co. mit lustigem Blindtext zu füllen. Nix „Lorem ipsum dolor…“ Normalerweise wird ja dieser lateinische Text als Platzhalter genommen, um Textspalten erst einmal nur zu füllen. Meist enthalten diese Grobentwürfe eine Headline, Grafiken und  Bilder, um es dem Kunden leichter machen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Im kreativen Prozess wollen wir ja erst zu einem guten Konzept kommen, bevor wir in die Feinarbeit gehen. Jedoch … Dieses Mal füllte Fred, the Free-to-design Lackner, 🙂  den Fließtext auf dem Prospektentwurf so:

Das ist allerfeinster Blindtext, den Sie nicht lesen sollten, denn: Er wurde nur geschrieben, um Ihren schönen Flyer …“

Endlich mal ein lustiger Blindtext, fanden wir. Und hey, wer liest den schon außer uns … Dann kam der Tag, als der Entwurf aus der Freigabe zurückkam. Mit korrigiertem Blindtext! Muss man sich mal vorstellen: Da hatte jemand, anstatt sich mit dem „roten Faden“ im Grobkonzept zu beschäftigen, den Rotstift gezückt und eine Rechtschreibprüfung des Blindtexts vorgenommen. Wir bekamen also eine 1A-Rechtschreibkorrektur von Freds Blindtext zurück. Wow! Da habe ich mich zum ersten Mal gefragt:

Ist Rechtschreibung ein Kreativitätskiller?

Nicht falsch verstehen: Ich finde Rechtschreibung wichtig, denn sie ist ein gemeinsamer Konsens. Wir schreiben korrekt, damit andere unsere Texte gut lesen können. Fehlerfreie Texte lesen sich wunderbar und rücken das, was wir zu sagen haben, ins Rampenlicht. Aber im kreativen Prozess unterbricht der ständige Blick à la, „habe ich das jetzt richtig geschrieben?“, unseren Schreibflow, das ist meine Erfahrung.

Wo bleibt der Schreib-Flow?

Egal ob Kurzgeschichte, Roman, Blogtext oder Werbeflyer: Wenn ich loslege, achte ich zunächst absichtlich nicht auf die korrekte Kommasetzung oder ob etwas zusammen- oder auseinander geschrieben wird. Natürlich schreibe ich als Texterin schon vieles automatisch richtig, doch der Schreibfluss geht zu diesem Zeitpunkt für mich vor. Denn es ist doch so: Wenn wir uns auf tolle Formulierungen, treffende Sätze, Satzmelodie, Rhythmus UND gleichzeitig auf die Rechtschreibung konzentrieren, dann geraten wir in Gefahr uns zu verzetteln. Was dann kommt, finde ich viel schlimmer als die paar Fehler im ersten Entwurf: die Schreibblockade!!! (Halloween-Gruselmusik dazudenken)

Rechtschreibung oder nicht? Was denn nun? Trenne Rechtschreibkorrektur vom Schreiben, das ist mein Tipp. Nimm die Rechtschreibkorrektur zum Schluss vor, oder warte wenigstens bis zum Zweitentwurf. Wenn du eine Pause vom kreativen Schreiben brauchst, ist ein Zurücklehnen und Korrekturlesen auch prima. So bekommst du Abstand vom Text, ohne gleich den Stift fallen (oder die Tastatur los-) zu lassen. Oh DAS war jetzt bestimmt nicht ganz korrekt geschrieben … und damit kommen wir wieder zur Kreativität.

Manchmal möchte ich etwas nicht soo korrekt schreiben!

Als Texterin spiele ich viel mit Sprache. Dass ich ab und zu auch mit der Rechtschreibung in Konflikt komme, ist mir bewusst. Aber sehen wir es auch einmal so: Sind Regeln nicht dazu da, auch – ganz, ganz, selten – gebrochen zu werden? Wir (bösen) Direktmarketing-Texter verwenden beispielsweise  Satzanfänge mit großem „Und“. Oder 😉 wir lassen Verben weg, weil wir die gesprochene Sprache imitieren. Früher war beides bereits ein „No-Go“, heute sehen dies selbst Korrektoren  gelassener. Achtung: Ich bitte nur um etwas mehr Toleranz im Umgang mit unserer Rechtschreibung. Das heißt aber NICHT, dass ich Sätze voller Fehler super finde!

Rechtschreibung in Messengern und auf Social Media

In einer Gruppe schnell eine Nachricht tippen, dann auf verschiedene Antworten zurückschreiben … Hier scheint die Toleranz zum Fehlermachen größer zu sein. Ist ja auch klar: Wer auf WhatsApp und Co. noch auf Rechtschreibung achtet, wird nie fertig. Verzeihen wir also in Messengern und auf Social Media mehr Fehler?

Rechtschreibschwäche? Keep cool!

Und was ist mit all unseren Mitmenschen, die Sprache nicht als Lieblingsfach hatten? Oder diejenigen, die keine Muttersprachler sind, und sich die deutsche Sprache schwer aneignen mussten? Muss ich jeden, der etwas falsch schreibt, gleich mit dem Finger auf seine Fehler stoßen? Ich finde, nein! Denn wie schnell verliert man die Lust am Schreiben, wenn man unsicher ist? Genau den Spaß am Lesen und Schreiben will ich aber unbedingt vermitteln. Das ist so eine Herzenssache von mir. Wir schreiben und lesen mittlerweile zu wenig, finde ich! Lasst uns cool bleiben und auch in punkto Rechtschreibung, empathisch vorgehen. 

Ohne Rechtschreibung kein Lesegenuss!

Anders sieht das für mich persönlich in Zeitungen und Büchern aus. Hier stolpere ich buchstäblich über falsch gesetzte „ss“ oder „ß“, den Dativ der eigentlich ein Genitiv sein sollte … und diese falschen Apostrophe. Das geht nicht nur mir so, denn Störungen im Lesefluss empfinden viele als furchtbar, EGAL wie man zur Rechtschreibung steht. Das geht soweit, dass Leser auf Amazon schlechte Bewertungen zu einem Buch schreiben, weil es voller Rechtschreibfehler steckt.

Böses Beispiel: Das letzte Buch von Stephenie Meyer zur Biss(s)-Reihe Bis(s) zur Mitternachtssonne wurde von den Fans sehnlichst erwartet. Endlich ist der erste Band aus der Sicht des ewig mit sich hadernden Glitzervampirs Edward geschrieben. 2020 war es dann soweit: Die deutsche Übersetzung lag vor. Doch in die Story kommt man – mal abgesehen von dem vielen Infodump – deshalb schlecht rein, weil der Text vor Übersetzungs- und Rechtschreibfehlern nur so wimmelt. Ich bin beim Lesen jedes Mal zusammengezuckt, da bei den vielen zusammengesetzten Verben so oft der zweite Teil fehlte. Schlecht lektorierte Bücher fühlen sich wie eine Beleidigung der Leser an, das ist meine Meinung. Keine Ahnung, warum ein großer Verlag so einen Text zum Druck freigibt. Einige Rezessionen auf Amazon gehen in die ähnliche Richtung.

Sprache lebt, Rechtschreibung auch!

Historisch gesehen ist Rechtschreibung keine beständige Größe. Genau wie Sprache oder Schrift entwickelt sie sich ständig weiter. Manches, das im Mittelalter als „korrekt“ aufgefasst wurde, gilt heute als „falsch“. Sprachlich gesehen, hat Luther mit seiner Bibelübersetzung den Übergang zur Neuzeit eingeläutet. Die Erfindung des Buchdrucks brachte auch der Rechtschreibung eine Vereinheitlichung. Goethe fingerte in der Rechtschreibung herum. Und die Gebrüder Grimm haben nicht nur Märchen gesammelt, sondern sind auch für das Deutsche Wörterbuch (1852-54) verantwortlich. Auch Wörterbücher wie dieses  sehe ich als Beitrag zur Normierung von Rechtschreibung. Und dann kam 1996 und die Neue Rechtschreibreform, die 2004 und 2006 noch nachgearbeitet wurde … Ich finde sie okay, denn sie vereinfacht vieles und hat viele, unsinnige Ausnahmen getilgt. Hurrah! Ihr seht: Rechtschreibung entwickelt sich (okay, entwickeln wir!) ständig weiter und das ist auch gut so!

So und jetzt: Wie halte ich es?

What you tell, is how you are! Die Rechtschreibung ist die Basis, alles Weitere (Witz, Spannung, Information …) können wir dann einfach besser genießen. Natürlich ist mir korrekte Rechtschreibung wichtig. Sie gehört für mich zu einem guten Text, ist aber kein Selbstzweck. Daher mein Aufruf zu mehr Gelassenheit im Umgang mit der Rechtschreibung.

Ich liebe Skurriles über Rechtschreibung, Stil und Ausdruck sehr. Da gibt es  Comedians, wie Erkan und Stefan, die die Feinheiten der deutschen Sprache in all ihren Facetten 😉 hervorragend karrikieren. Und für die Latin-Nerds unter uns habe ich auch etwas: Björn Puscha!! Wer Rechtschreib-Comedy für zwischendurch braucht: ab in den Baumarkt! Schnappt euch eine dieser wunderbar übersetzten Anleitungen aus dem Chinesischen. Die findet man momentan wieder zuhauf, wenn man Weihnachts-Deko „shoppt“. Hier gibt es soo schöne inkorrekte Sätze, die den Tag bunter machen, wie …

„Zu erreischen Gluckseligkeit unter finstrem Tann, ganz einfach Handbedienung von GWK 9091“

(Fundstück aus der Sammlung von expressis verbis)

Wie stehst du zur Rechtschreibung?

Welchen "Verschreiber" oder welche Nachlässigkeit in der Rechtschreibung bringt dich auf die Palme? Und was lässt dich völlig kalt? Lass gerne einen Kommentar für alle da!
Manuela Krämer

4 Kommentare zu „Ist Rechtschreibung ein Kreativitätskiller?“

  1. Als Sprach- und Kommunikationstrainerin bin ich, gerade beim Bloggen, auch oft hin- und hergerissen zwischen „richtig schreiben“ und kreativ formulieren. Du bringst es auf den Punkt: Mehr Gelassenheit mit Fehlern täte uns gut – nicht nur beim Thema Rechtschreibung.

  2. Hallo Manuela,

    ich kann dir nur zustimmen und finde mehr Gelassenheit und Fehlerkultur bei der Rechtschreibung tut uns allen gut. Einfach drauf losschreiben ohne auf die Rechtschreibung zu achten, fällt mir schwer. Jetzt wo ich es bei dir gelesen hab, probier ich’s mal aus.

    Schönen Sonntag
    Valerie

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